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Seminar “Komm auf den Punkt!” am 12.11.11

Auf den Punkt kommen - das ist ein schönes Ideal. Jeder möchte gerne “treffende Worte” und “Sätze, die sitzen” sagen. Leider führt der Weg zur wirkungsvollen Bündigkeit über eine gewisse innere “Ausschweifung”. Gemeint ist damit ein offenes Spiel der Gedanken und Gefühle, die in aller privaten Ehrlichkeit den Sprechenden über sich selbst aufklären und die spätere Wahl der Worte vorbereiten. Je mehr Sie über sich und Ihre Einstellung zu einem Sachverhalt wissen, desto wirkungsvoller können Sie später auch ein paar Dinge nicht sagen.

Kurz und knapp kann nur der sein, der bereit ist, die Verwicklungen, Feinheiten und Widersprüche in sich wahrzunehmen und sich auch mal der Qual der Wort-Wahl auszusetzen. Lassen Sie sich also ruhig Zeit mit der Präzision. Das gilt besonders für schwierige Kommunikationssituationen, wenn Missverständnisse durch die Luft schwirren und Spannungen mit Händen greifbar werden.

Also erst Herz öffnen und dem Verstand Auslauf geben - und erst dann auf den Punkt kommen! Alles klar?

Kommunikation auf Augenhöhe

In der Gesellschaft spricht man in letzter Zeit öfters über Kommunikation. Eine nicht geringe Anzahl von Bürgern ist nämlich unzufrieden darüber, wie Politiker und andere Entscheidungsträger mit den normalen Menschen sprechen. Kritisiert werden nicht bloß autoritäres Reden und Verhalten, sondern auch ein gewisser Mangel an der für Kommunikation so wichtigen Fähigkeit des Zuhörens. Die Unzufriedenheit ist so groß, dass unlängst bereits das Ende der Basta-Politik verkündet wurde.

Doch so weit ist es noch lange nicht gekommen. Zunächst einmal sind wir in der Phase angekommen, das auch jedes Kind beim Spracherwerb durchläuft: die Zeit des Nachplapperns und Imitierens. Wenn ein Kind beispielsweise das sorgenvolle Aufstöhnen der Mutter imitiert und dann noch mit ernster Miene hinzufügt “Das Leben ist manchmal so schwer”, dann findet das die Mutter lustig. Schau mal, wie ein kleiner Erwachsener!

Wenn Politiker das tun, ist das weniger lustig. Wenn beispielsweise davon die Rede ist, man “kommuniziere auf Augenhöhe”, dann fragt sich, was das bedeuten soll und worin da die Leistung besteht. Solch eine Aussage hat ebenso viel Wahrheitsgehalt wie der Werbeslogan “Jetzt mit 30% mehr Reinigungskraft!”.

Denn wenn man vorher nicht auf Augenhöhe kommuniziert hat, was hat man denn dann getan? Saß da etwa einer auf dem Boden? Herrschten da etwa noch keine Gleichberechtigung und Meinungsfreiheit? Und wenn es jetzt gut ist, auf Augenhöhe zu kommunizieren, hat man da vorher etwas falsch gemacht? Hat man sich irgendwie über den anderen gestellt, ihn nicht richtig gehört und wahrgenommen, hat man vielleicht nicht wirklich mit ihm (nur zu ihm) gesprochen?

Aber nein! Das meiste Gerede der Politiker über die Kommunikation auf Augenhöhe bedeutet selbstverständlich nicht, dass man in der Vergangenheit schlecht kommuniziert hätte. Der Werbeslogan “Jetzt mit 30% mehr Reinigungskraft” heißt ja auch nicht “Früher hatten wir ein echt lasches Zeug”.

Dann müsste man ja auch zugeben, dass es einem als Politiker meistens egal war, was die Leute wirklich dachten und dass man an einem freien Meinungsaustausch wenig Interesse hatte. Dann müsste man ja heute den Leuten direkt in die Augen blicken und zugeben, dass man sie früher von oben herab behandelt hat und dass man es heute besser machen will.

Nun ja, aber das wäre selbst einem Politiker zu viel Augenhöhe.

Sich zuhören

Wann haben Sie sich das letzte Mal zugehört? Was, das tun Sie schon? Sind Sie sicher? Sich zuhören, bedeutet, die Worte so hören, als spräche sie eine andere Person, als wüssten Sie nicht, wie es sich von innen anfühlt, diese Worte zu sprechen.

Stellen Sie sich doch um des Experimentes willen vor, was Sie von einem Menschen denken würden, der die Worte und Sätze spricht, die Sie gerade sprechen. Dann bekommen Sie einen Eindruck davon, wie vieldeutig  das ist, was Sie sagen. Sie werden merken, dass Ihr Gegenüber es gar nicht so leicht hat, Sie zu verstehen - denn er muss ohne das innere Begleitgefühl auskommen, zu dem Sie Zugang haben und das Ihnen so oft den trügerischen Eindruck vermittelt, Sie drückten sich klar aus.

Wenn Sie sich nun gut zugehört haben, dann werden Sie feststellen, dass Sie das ein oder andere nicht sagen, was Sie denken und fühlen. (Das ist in Ordnung, ich bin durchaus nicht für schonungslose Offenheit.) Die Frage ist aber: Haben wenigstens Sie selbst das Gedachte und Gefühlte, aber Nicht-Ausgedrückte richtig gehört? Also so gehört,  als spräche es ein anderer. Was für einer Person begegnen Sie dann, wenn Sie Ihren Gedanken und Gefühlen zuhören?

Es kann schwierig sein, auszusprechen, was man denkt. Wenn Sie es verstehen, sich selbst besser zuzuhören, werden Sie es künftig leichter finden. Denn einen Zuhörer haben Sie dann schon.

Bitte nicht beeindrucken!

In Büchern und Artikeln über Körpersprache wird gerne auf die Wichtigkeit des ersten Eindrucks verwiesen. “Die ersten Momente entscheiden über Ihren Auftritt!” heißt es da. Und gemeint ist: “Wenn Sie den ersten Eindruck vermasseln, ist es aus.”

Ich möchte hier Entwarnung geben. Es mag zwar Situationen geben, in denen es nur eine einzige Chance gibt, andere Menschen zu überzeugen, z. B. Vorstellungsgespräche. Für alle anderen Situationen aber gilt: Der erste Eindruck ist zwar wichtig, aber nicht etwa deswegen, weil er unverrückbar das Urteil prägt, sondern weil er einen Referenzwert darstellt. Denn Menschen ändern ihre Meinung über andere Menschen im Umgang miteinander. Spätere Eindrücke können den ersten Eindruck bestätigen, relativieren oder in sein Gegenteil verkehren.

Der Schein trügt - und der erste Eindruck eben oft auch. Gehen Sie also gelassen mit dem ersten Eindruck um. Versuchen Sie nicht, einen besonderen ersten Eindruck auf Ihren Gesprächspartner zu machen. Er könnte sonst, wenn er sie später besser kennenlernt, von Ihnen enttäuscht sein.

Nicht ganz normal

Wenn Sie sich darauf einlassen, etwas an Ihrem Denken und Handeln zu verändern, dann werden Sie etwas an sich erleben, was Sie vorher noch nicht erlebt haben. Dann aber kann es sein, dass Sie das Gefühl bekommen, nicht mehr ganz normal zu sein.

Wenn beispielsweise eine Person, die sich bislang schwer getan hat, eine eigene Meinung zu vertreten, offener über ihre Ansichten spricht, dann fühlt sie sich möglicherweise “arrogant” oder “egozentrisch”. Und es taucht das Gefühl auf: “Das ist komisch, das ist nicht normal!”

Aber was ist eigentlich normal?

Normalität - ist das die Summe dessen, was die Mehrheit der Menschen tun? Oder was die Mehrheit der Menschen erwarten? Erwartungsnormalität und Handlungsnormalität sind zwei recht verschiedene Größen. Dass eine Mehrheit ein bestimmtes Denken, Fühlen oder Verhalten wünscht und befürwortet, bedeutet nicht, dass diese Mehrheit diesen Ansprüchen im Leben tatsächlich genügt.

So ist das zum Beispiel mit der freien Meinungsäußerung. Hier klaffen Erwartung und Handlung weit auseinander. Wir leben in einer Gesellschaft, die freie Meinungsäußerung zwar mehrheitlich propagiert, aber praktiziert sie sie auch? Ich habe da meine Zweifel. Im Wirtschaftsleben ist es beispielsweise recht üblich, freie Meinungsäußerung zu sanktionieren. Und jeder weiß, wie unwillkommen eine offene Aussprache im Privatleben sein kann. Freie Meinungsäußerung? Gerne, aber bitte beachten Sie unsere allgemeinen Geschäftsbedingungen.

“Die anderen können doch auch sagen, was sie wollen. Und ich habe Angst, meine Meinung sagen - das ist doch nicht normal! ”

Doch, das ist es vermutlich. Und es ist relativ normal, Angst zu empfinden, wenn man von der vermeintlich herrschenden Meinung abweicht, weil dieses Abweichen zwar prinzipiell gelobt, aber in Wirklichkeit vermieden wird.

Normalität ist ein Gespenst, das sich bei genauem Hinsehen in nichts auflöst. Wenn Sie sich also das nächste Mal nicht ganz normal fühlen, erschrecken Sie nicht. Fragen Sie sich, wieviele Sie kennen, die das, was Sie von sich erwarten, tatsächlich tun. Die Chancen stehen recht gut, dass Sie überraschende Antworten finden.

Sprachlos

Da ist etwas im Raum, und keiner verliert ein Wort darüber. Man redet und erzählt und das, worauf es ankäme, bleibt ungesagt. Kennen Sie das? Inmitten all des “Kommunizierens” scheint sich manchmal eine gewisse Sprachlosigkeit breit zu machen. Wie kommt das?
Neulich wurde ich in der Bahn von einem Gast, der sich mir gegenüber hinsetzte, gegrüßt. Nichts Ungewöhnliches? Doch, so empfand ich es. Denn er sprach seinen Gruß so aus, als meinte er ihn ernst. Ein echter Gruß, keine Floskel.
Ich wollte lesen und fürchtete schon, mein Gegenüber wolle mich jetzt in ein Gespräch verwickeln. Aber er hatte nichts dergleichen vor. Er hatte mich einfach angesprochen und gegrüßt. Nach meiner ersten Verblüffung fand ich das Verhalten meines unbekannten Gegenübers wohltuend. Menschlich.
Jetzt wundere ich mich, wie oft ich nichts sage, wenn ich Menschen in der Öffentlichkeit begegne, in der S-Bahn, im Cafe, im Geschäft. Anderen scheint es ähnlich zu gehen. Da sitzen, stehen und gehen wir stumm wie verstörte Fische und versuchen es normal zu finden, nicht aufeinander zu reagieren. So als stünden da unsichtbare Verbotsschilder: “Du darfst nicht unaufgefordert sprechen!”
Vielleicht ist hier eine Ursache für die alltägliche Sprachlosigkeit zu finden: in unserem Training, die Gegenwart anderer Menschen nicht für wichtig zu halten. Nur gut, dass es Menschen gibt, die die stillen Regeln der Sprachlosigkeit brechen.

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