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- 2.10.2011: Gefühle in Bewegung (5): Gefühle sind Muskelarbeit
- 30.9.2011: Gefühle in Bewegung (4): Warum Bewegung für unsere Gefühle gut ist
- 29.9.2011: Gefühle in Bewegung (3): Wozu der Schmerz?
- 28.9.2011: Gefühle in Bewegung (2): Wie sind Gefühle?
- 26.9.2011: Gefühle in Bewegung (1): Nicht ganz so einfach
- 15.7.2011: Kommunikation auf Augenhöhe
- 3.7.2011: Verändern beginnt mit Nicht-Verändern
- 23.6.2011: Merkst du noch was?
Archiv der Kategorie Veränderung
Verändern beginnt mit Nicht-Verändern
3.7.2011 von Guido Ingendaay.
Ein seltsames Paradox in der Psychologie der Veränderung besteht darin, dass wir den Prozess der Veränderung dann am wirksamsten in die Wege leiten, wenn wir aufhören, sofort etwas ändern zu wollen.
Wie kommt das?
Stellen Sie sich vor, Sie entdecken in Ihrem Leben etwas, das Sie stört. Was tun Sie als erstes? Ich nehme an, Sie versuchen, dieses störende Etwas irgendwie zu beseitigen oder zu umgehen. Dies ist der Versuch Nummer 1, die Welt wieder in Ordnung zu bringen. Der Versuch Nummer 1 ist in der Regel grob gestrickt. Er besteht in einfachen Korrekturen, Ermahnungen oder Reglementierungen.
“Nimm dich zusammen, du isst zuviel!”
“Sei doch mal etwas mutiger!”
“Was stellst du dich so an, sei doch nicht so ein Schisshase!”
Veränderungsversuche dieser Kategorie können erfolgreich sein. Die lästige Wespe, die sich Ihrer Erdbeertorte nähert, verzieht sich vielleicht tatsächlich, wenn Sie einmal kräftig mit der Hand in ihre Richtung wedeln. Doch wo es um die Veränderung von Einstellungen, Selbstdialogen und Handlungsmodalitäten geht, sind diese Versuche meist erstaunlich wirkungslos. Wenn Sie sich davor fürchten, vor einer größeren Gruppe von Menschen zu sprechen, dann bringt es wenig, sich zu sagen: “Stell dich nicht so an!” Seltsamerweise wiederholen wir diese Veränderungsversuche oft unzählige Male und glauben trotz ausbleibender Erfolge immer noch daran, damit etwas zu verändern.
Wenn Sie sich einmal die Zeit nehmen, hinter die Kulisse Ihrer Selbstermahnungen und Selbstkorrekturen zu schauen, sehen Sie ungeduldige und ärgerliche Gestalten, die Ihr Leben von allen Störungen befreien wollen. Das sind Ihre Veränderungsmanager - die allzeit geschäftigen Kontrolleure Ihres Lebens. Sie strahlen irgendwie Autorität aus, schüchtern Sie aber auch etwas ein. Wenn Sie sich dann die Zeit nehmen, mit diesen Veränderungsmanagern zu sprechen, werden Sie merken, dass die es auch nicht wirklich besser wissen. Genau genommen, sind sie sogar regelrecht verunsichert. Die haben Angst!
Wenn Sie dies entdecken, werden Sie verstehen, dass es besser ist, diesen Gestalten die Steuerung Ihres Veränderungsprozesses zu entziehen. Führen Sie sich Ihre erfolglosen Versuche der Selbstveränderung vor Augen und machen Sie sich klar: “So hat es nicht funktioniert. So brauche ich es nicht weiterhin probieren. Meine inneren Veränderungsmanager sind überfordert.”
Mit dieser Erkenntnis verbindet sich die Einsicht, dass Sie zunächst einmal nicht wissen müssen, wie Sie Ihr Veränderungsziel erreichen könnten. Es reicht, zu spüren: “Da ist es etwas, um das ich mich kümmern will. Ich weiß noch nicht, wie ich das schaffe.” Wenn Sie diesen Schritt vollziehen, werden Sie eine gewisse Entspannung erleben. Sie haben vielleicht das Gefühl: “Wie wunderbar, mich nicht angestrengt gegen diese Störungen in meinem Leben stemmen zu müssen!” Zugleich erleben Sie vielleicht Ihre Unsicherheit angesichts der anstehenden Herausforderungen, die der gewünschte Veränderungsprozess mit sich bringt. Sie merken dann vielleicht aber auch: “Ich kann diese Unsicherheit aushalten, denn ich spüre noch etwas anderes, etwas das mir Hoffnung gibt, etwas Lebendiges, Unbändiges, das ich vorher bei all meinen bemühten Veränderungsaktionen nicht bemerkt habe!”
Verändern beginnt mit Nicht-Verändern. So einfach ist das. Anstrengung bringt nichts, im Gegenteil, sie fixiert die Angst vor Veränderung im Krampf undurchdachter Korrekturen. Hören Sie auf, sich anzustrengen, denn die meisten Wespen kommen sowieso wieder. Und wenn man sie ärgert, stechen sie.
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Ich weiß so viel und tu so wenig
27.5.2011 von Guido Ingendaay.
Eine häufige Klage veränderungswilliger Menschen lautet ungefähr so: “Da habe ich schon so viel gelernt und weiß so viel, und doch kann ich so wenig umsetzen. Irgendwie scheine ich nie das zu erreichen, was ich eigentlich will. Und dabei habe ich schon so viele Bücher gelesen…”
Wissen allein macht noch kein Handeln. Das ist eine allseits beobachtbare Tatsache. Die Menschen wissen beispielsweise, dass zwei Tüten Chips bei wenig Bewegung nicht gerade gesund sind - und landen trotzdem immer wieder auf der Couch. Auf dem Weg vom Wissen zum Handeln gibt es zahlreiche Stolpersteine, und einer davon ist die verbreitete Neigung, abstraktes Wissen für ausreichend für Verhaltensänderung zu halten.
Ohne direkte persönliche Erfahrung kann keine Veränderung gelingen. Sich aber darauf einzulassen, ist häufig so schwer. Nicht weil es in sich schwer wäre, sondern weil wir es für schwer halten. Wir ahnen, dass der lebendige Strom der Erfahrung unsere Gefühle, Haltungen und Einstellungen stärker verändern könnte, als uns lieb ist. Veränderung ja, aber bitte nicht zu viel davon! Es ist diese diffuse Angst vor der Wucht neuer Erfahrungen, mit der jeder Veränderungswillige rechnen muss.
Wenn Sie also mal wieder über sich den Kopf schütteln, wenn Sie nicht das tun, was Sie nach Ihrem aktuellen Wissensstand von sich erwarten, dann schenken Sie sich etwas Bedenkzeit: “Welche Erfahrung ist es, die ich fürchte? Wie wäre es, wenn ich mich dennoch mal darauf einließe?” Und wenn Sie dann etwas Bereitschaft spüren, dann führen Sie sich freundlich, aber bestimmt über die Grenzen des Vertrauten hinweg in eine neue Erfahrung.
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Nicht ganz normal
13.4.2011 von Guido Ingendaay.
Wenn Sie sich darauf einlassen, etwas an Ihrem Denken und Handeln zu verändern, dann werden Sie etwas an sich erleben, was Sie vorher noch nicht erlebt haben. Dann aber kann es sein, dass Sie das Gefühl bekommen, nicht mehr ganz normal zu sein.
Wenn beispielsweise eine Person, die sich bislang schwer getan hat, eine eigene Meinung zu vertreten, offener über ihre Ansichten spricht, dann fühlt sie sich möglicherweise “arrogant” oder “egozentrisch”. Und es taucht das Gefühl auf: “Das ist komisch, das ist nicht normal!”
Aber was ist eigentlich normal?
Normalität - ist das die Summe dessen, was die Mehrheit der Menschen tun? Oder was die Mehrheit der Menschen erwarten? Erwartungsnormalität und Handlungsnormalität sind zwei recht verschiedene Größen. Dass eine Mehrheit ein bestimmtes Denken, Fühlen oder Verhalten wünscht und befürwortet, bedeutet nicht, dass diese Mehrheit diesen Ansprüchen im Leben tatsächlich genügt.
So ist das zum Beispiel mit der freien Meinungsäußerung. Hier klaffen Erwartung und Handlung weit auseinander. Wir leben in einer Gesellschaft, die freie Meinungsäußerung zwar mehrheitlich propagiert, aber praktiziert sie sie auch? Ich habe da meine Zweifel. Im Wirtschaftsleben ist es beispielsweise recht üblich, freie Meinungsäußerung zu sanktionieren. Und jeder weiß, wie unwillkommen eine offene Aussprache im Privatleben sein kann. Freie Meinungsäußerung? Gerne, aber bitte beachten Sie unsere allgemeinen Geschäftsbedingungen.
“Die anderen können doch auch sagen, was sie wollen. Und ich habe Angst, meine Meinung sagen - das ist doch nicht normal! ”
Doch, das ist es vermutlich. Und es ist relativ normal, Angst zu empfinden, wenn man von der vermeintlich herrschenden Meinung abweicht, weil dieses Abweichen zwar prinzipiell gelobt, aber in Wirklichkeit vermieden wird.
Normalität ist ein Gespenst, das sich bei genauem Hinsehen in nichts auflöst. Wenn Sie sich also das nächste Mal nicht ganz normal fühlen, erschrecken Sie nicht. Fragen Sie sich, wieviele Sie kennen, die das, was Sie von sich erwarten, tatsächlich tun. Die Chancen stehen recht gut, dass Sie überraschende Antworten finden.
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Der innere Schweinehund
4.4.2011 von Guido Ingendaay.
Wer wohl den Schweinehund erfunden hat? Oder gibt es ihn womöglich und er läuft frei herum? Eine Kreuzung aus Hund und Schwein, die in sich alles Hässliche dieser sonst ja für den Menschen recht nützlichen Tiere vereinigt? Nein, wahrscheinlich ging hier jemandem einfach die Fantasie durch und er schuf ein mythisches Wesen, halb Hund, halb Schwein - die Verkörperung niederer Instinkte, schlechter Gewohnheiten und unausrottbarer Gelüste.
Wenn Sie sich vornehmen, mit dem Rauchen aufzuhören, und das nicht schaffen, ist er schuld. Wenn Sie schwören, bei nächster Gelegenheit Ihren Schreibtisch aufzuräumen und drei Wochen später immer noch nichts passiert ist, muss er den Kopf hinhalten. Denn ein Mensch, der nicht das tut, was er sich vornimmt, kann unmöglich selbst dafür verantwortlich sein. Dazu braucht es schon einen Schweinehund.
Sie merken schon, dass ich von dem Konzept des inneren Schweinehunds nichts halte. Was mir daran nicht gefällt, ist die Annahme, dass der Impuls, eine Zigarette zu rauchen oder seinen Schreibtisch nicht aufzuräumen, irgendwie verwerflich sein soll. Das will mir nicht in den Sinn. Warum soll das verkehrt sein?
Das Abwerten und Tabuisieren von Wünschen und Handlungsimpulsen hat lange Tradition. Schon die Bibel ist voller Vorschriften davon, was man nicht tun soll. Das ist verkehrt und Punkt, und wenn du es doch willst, bist du schlecht. Ein schlichtes Denkmodell von einiger Grausamkeit. Ein nicht ganz unwesentliches praktisches Problem kommt hinzu: die Abwertung des Wunsches, jetzt das zu wollen, was man gestern ablehnte, motiviert Menschen nicht, wirklich umzudenken und Verantwortung für ihr Handeln zu übernehmen. Im Gegenteil, die Abwertung demütigt den Menschen, der sich verändern will, indem sie ihn in einen guten und einen schlechten Teil spaltet.
Ich möchte Ihnen deshalb ans Herz legen, sich nicht mehr die Geschichte vom inneren Schweinehund zu erzählen. Dann haben Sie zwar keinen mehr, den Sie für Ihre Inkonsequenz beschuldigen können, aber wäre das so verkehrt? Vielleicht liefe es dann beim nächsten Mal, wenn Sie die Zigaretten oder den unaufgeräumten Schreibtisch sehen, ganz schnörkellos auf die einfache Frage hinaus: Was will ich JETZT?
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