Gefühle in Bewegung (4): Warum Bewegung für unsere Gefühle gut ist

September 30th, 2011

Um zu verdeutlichen, wie ein gelingendes Zusammenspiel von Fühlen und Denken möglich werden könnte, möchte ich zunächst etwas über die Rolle der Bewegung für das Gefühlsleben sagen. Schauen wir auf die beiden Funktionen von Gefühlen – Information und Motivation – und fragen, welchen Einfluss Bewegung auf die Verwirklichung dieser Funktionen hat.

Bekanntlich ist es möglich, Gefühle zu übersehen, zu unterdrücken, zu verdrängen. Bei all diesen Verdrängungsprozessen gleich welcher Ursache spielt der Körper eine wichtige Rolle. Da Gefühle von selbst auftauchen und sich mit einiger Intensität in die Aufmerksamkeit drängen, ist es aufwändig, Gefühle, die man einmal deutlich wahrgenommen hat, anschließend zu ignorieren. Wenn man wirklich sicher gehen will, dass die lästigen Signale der Gefühle den gewohnten Gang der Dinge nicht stören, ist es weitaus wirksamer, dafür zu sorgen, dass man sie erst gar nicht wahrnimmt. Was ich nicht weiß, macht mich nicht heiß.

Wenn Sie beispielsweise Ihre Atmung übermäßig kontrollieren, beschränken Sie die vertiefte Atmung, die mit Gefühlen wie Ärger, Schmerz oder Freude einhergeht. Dadurch wird es fast unmöglich, diese starken Gefühle überhaupt differenziert zu erleben. Wenn Ihre Bewegungen im Korsett angestrengter Muskelkoordinationen stecken, fühlen Sie sich selbst nicht so deutlich. Die sensorische und emotionale Wahrnehmung ist weniger intensiv. „Bin ich wütend? Ach nein, nur etwas verwundert? Bin ich enttäuscht? Ach was, das ist schon in Ordnung.“ Sich selbst weniger zu fühlen, ist oft ein schrittweiser Prozess, ähnlich dem allmählichen Grauerwerden einer Fensterscheibe. Erst wenn man wieder Klarheit herstellt, erkennt man, worauf man die ganze Zeit verzichtet hat.  

Das ist der Grund, warum umgekehrt eine Verbesserung der Bewegung die Wahrnehmungsfähigkeit steigert und dann zu einer erhöhten Sensibilität gegenüber Gefühlen führt. Wer beweglicher ist, wird sich nicht nur beweglicher fühlen, sondern auch offener, freier und lebendiger. Wir dürfen nicht vergessen, dass Fehlspannungen nicht nur mit unangenehmen Körperempfindungen einhergehen, sondern auch Gehirnleistung binden. Es ist nicht nur körperlich, sondern auch geistig anstrengend, sich ungünstig zu bewegen.

Bewegung beeinflusst nicht nur die sensorische Sensibilität, sondern ist auch an der motivierenden, energiegebenden Funktion von Emotionen direkt beteiligt. Denn natürlich empfindet ein Mensch, der sich in seinem Körper zu hause fühlt, der motorisch handlungsfähiger und energievoller ist, weniger Angst und Unsicherheit, dafür mehr Selbstvertrauen und Mut. Er wird sich mehr zutrauen und leichter zu sich stehen, er wird fähig sein, sich den Raum zu nehmen, den er braucht. Emotionen geben uns eine mächtige Antriebsenergie, wenn wir jedoch diese Energie nicht in gute Bewegungsbahnen lenken, kann es passieren, dass wir aus der Kurve fliegen – oder gar nicht erst in Gang kommen.

Wenn Sie sich zum Beispiel an eine Aufgabe heranwagen, die Sie besonders reizt, die Ihnen aber auch einiges abverlangt und vielleicht auch etwas Angst macht, dann brauchen Sie nicht nur Ihre emotionale Motivation, um zum Erfolg zu kommen, sondern auch die Fähigkeit, Ihre positive psychische Energie in effiziente Bewegung zu übersetzen. Der Körper ist das Organ der Verwirklichung, er ist ein Instrument, das unsere Absichten zum vollen Ausdruck bringt. Wenn wir es nicht verstehen, mit ihm angemessen zu kommunizieren, bleiben unsere schönen Träume im Ungefähren. In meiner Praxis beobachte ich oft, dass Menschen an sich zweifeln, weil sie nicht das tun, was sie gerne wollen. In vielen Fällen ist  die effiziente Energetisierung des Körpers ein entscheidender Schritt auf dem Weg zum Erfolg. Gerade dann, wenn man an eine Sache mit gemischten Gefühlen herangeht, und ein Scheitern durchaus möglich, ist es wichtig, den Einfluss von Angst und Unsicherheit in Grenzen zu halten und sich und seine Energien auf gutes Gelingen auszurichten.

Daher ist es wichtig, Gefühle nicht bloß als psychisches Phänomen zu begreifen (was sie selbstverständlich auch sind), sondern auch als körperliches. Gute Bewegung verbessert die Wahrnehmungsfähigkeit und steigert die Ausdrucks- und Handlungsfähigkeit. Dies kommt unserem emotionalem Erleben unmittelbar zugute.

Gefühle in Bewegung (3): Wozu der Schmerz?

September 29th, 2011

Dank ihrer besonderen Eigenschaften (Schnelligkeit, Intensität und Eigenwilligkeit) können Gefühle ihre Funktion ganz besonders gut erfüllen. Gefühle machen uns darauf aufmerksam, dass etwas Bedeutsames passiert – und sie tun dies so, dass wir sie nicht ohne weiteres ignorieren können. Was genau im Moment so wichtig ist, müssen wir selbst herausfinden. Gefühle tragen kein Etikett, auf dem steht, was sie bedeuten. Gefühle verbinden uns einfach in Sekundenschnelle mit einer Bewertung der Situation. Vor dem Hintergrund unserer gesamten bisherigen Erfahrung sagen uns Gefühle, wie das, was wir da gerade erleben für uns einzuschätzen ist, ob es für uns gefährlich, wertvoll, langweilig oder reizvoll ist. Wir tragen in uns eine riesige emotionale Datenbank, die zu Beginn des Lebens (manche sagen, schon bereits vor der Geburt) angelegt und seither mit immer neuen Informationen gefüttert wurde.

Stellen Sie sich vor, Sie besichtigen eine neue Wohnung. Während Sie durch die leeren Räume spazieren und sich die Ausführungen des Maklers anhören, bekommen Sie so ein komisches Gefühl im Bauch. Sie können sich das gar nicht genau erklären, denn die Wohnung ist eigentlich ganz schön, aber irgendwie gefällt Ihnen die Vorstellung nicht, dort zu wohnen. – Solche komischen Gefühle können nicht immer aufgeklärt werden. Vielleicht wird Ihnen später klar, dass die Wohnung Sie an eine frühere Wohnung erinnert hat, in der Sie sich wie in einer verlassenen Höhle gefühlt haben. Vielleicht fällt Ihnen aber auch auf, dass es eher der unsympathische Makler war, der zu Ihrem Eindruck beigetragen hat.

Gefühle sind zunächst ungenaue Informationsgeber, dafür aber sehr schnelle und intensive. Diese Eigenart ist auch für ihre zweite wichtige Funktion von Bedeutung: Gefühle geben uns Energie, unsere Bedürfnisse, Wünsche und Anliegen auszudrücken und etwas zu unternehmen. Gefühle wollen irgendwohin mit uns. Sie haben gewissermaßen einen Auftrag. Sie drängen, locken, ziehen, treiben uns – sie bewegen uns in eine bestimmte Richtung.

Wir brauchen Gefühle, damit sie uns über uns und die Welt informieren und zu aktivem Handeln motivieren. Selbsterfahrung und Selbstausdruck kommen ohne Gefühle nicht aus. Wenn wir lernen, auf unsere Gefühle zu achten und ihre Signale zu verstehen, wird es uns gelingen, bessere Entscheidungen zu treffen, Probleme leichter zu lösen, anderen Menschen mit Offenheit und Selbstvertrauen zu begegnen und unserem Leben eine sinnvolle Richtung zu geben.

Die Schwierigkeit, die sich uns aber dabei präsentiert, ist, dass Gefühle nicht bloß brav auf gedankliche Bewertungen reagieren, sondern auch auf Wahrnehmungen anspringen, die wir jetzt machen und die uns mit dem Erleben vergangener Erfahrungen verbinden. Dadurch wird eine Überlegung notwendig: Ist die aktuelle Situation wirklich mit der vergangenen zu vergleichen? Hilft mir die Emotionen, die anstehende Situation gut zu bewältigen?

Wir stoßen hier auf das alte Problem des Verhältnisses zwischen Fühlen und Denken. Sollen Verstand und Wille das Gefühl „beherrschen“ oder sollen wir den Gefühlen die Führung überlassen?

Gefühle in Bewegung (2): Wie sind Gefühle?

September 28th, 2011

Es wird keine Einigkeit darüber zu erzielen sein, was genau eine Emotion ist und was nicht. Ist Überraschung eine Emotion? Oder Verspieltheit? Immerhin ist klar: Die großen Gefühle sind Angst, Schmerz, Wut, Trauer, Liebe. Darüber hinaus gibt es viele Spielarten, Abwandlungen, gemischte Gefühle.

Was mich hier mehr interessiert, ist die Qualität von Gefühlen, ihre Beschaffenheit. Wenn man Gefühle mit Gedanken vergleicht, fällt vor allem auf: Gefühle sind besonders schnell, besonders intensiv und besonders eigenwillig.

Gefühle entstehen aus Bewertungen. Wenn Ihnen beispielsweise einfällt, dass Sie Ihren Hausschlüssel vergessen haben mitzunehmen, könnten Sie sich ärgern – falls Sie die Einstellung haben, dass ein normaler Mensch keine Schlüssel vergessen sollte. Jeder emotionalen Reaktion liegt eine Bewertung zugrunde. An Kinder kann man manchmal ganz schön beobachten, wie sie regelrecht überlegen, ob sie anlässlich eines Missgeschicks weinen oder lachen sollen.

Doch Gefühle aktivieren sich nicht bloß, wenn der Verstand eine bestimmte Bewertung abgibt. Gefühle springen assoziativ von selbst an, wenn bestimmte Wahrnehmungen gemacht werden, die uns an frühere Wahrnehmungen erinnern. Gefühle verfügen physiologisch gewissermaßen über Schnellleitungen, die sie am Verstand vorbei schleusen. Die emotionale Bewertung einer Situation kann erfolgen, bevor der Verstand kapiert hat, was los ist. Wir kennen das alle: Ein Duft oder ein Lied kann schöne Erinnerungen wachrufen und schon schweben wir auf einer Wolke des Entzückens. Heinrich Heines Loreley ist ein klassisches Beispiel:

Ich weiß nicht, was soll es bedeuten,

Dass ich so traurig bin,

Ein Märchen aus uralten Zeiten,

Das kommt mir nicht aus dem Sinn.

Natürlich beruhen die ursprünglichen emotionalen Erfahrungen ebenfalls auf Bewertungen, aber die Wege der Erinnerung sind verwinkelt und kaum je ganz aufzuklären. Hier und heute kann der erinnerungsgestützte emotionale Bewertungsprozess oft nicht mehr bewusst durchdrungen werden, er ist fest verwoben mit der sensorischen Erfahrung. Entscheidend ist, was ankommt: das unmittelbare intensive Gefühl. Lange bevor wir Gefühle verstehen können, wirken sie.

Die Intensität von Gefühlen hängt mit ihrer leiblichen Qualität zusammen, ihrer Spürbarkeit. Gefühle werden eben gefühlt, also körperlich erlebt. Gefühle bewegen uns mit Haut und Haaren. Ein Gedanke kann etwas klarer machen, Verbindungen herstellen, Möglichkeiten aufzeigen. Ein Gedanke überzeugt, leuchtet ein, verwirrt, aber er kann uns nur dann ganz packen, wenn er auch mit Emotionen einhergeht. Und zuletzt: Dass Gefühle so eigenwillig sind und man ihnen nicht gebieten kann, wissen wir gut aus Erfahrung. Man kann sich Gedanken machen, aber nicht Gefühle – die kommen oder nicht, wie sie wollen.

Besonders schnell, besonders intensiv, besonders eigenwillig – das sind Gefühle.

Gefühle in Bewegung (1): Nicht ganz so einfach

September 26th, 2011

Gefühle sind Bewegung. Das Wort Emotion deutet darauf hin, dass Gefühle etwas sind, das sich und das uns bewegt. Gefühle bewegen uns auf verschiedene Weise. Freude hüpft, Trauer zieht nieder, Verzweiflung schüttelt, Zuversicht treibt voran.

Emotionen können uns auch bedrängen, einengen, zerreißen, belasten. Sie sind da. Sie sind nicht wegzuschieben. Sie bringen unsere Pläne durcheinander. Sie wollen sich durch bloßes Zureden nicht verziehen. Aber: Ohne Emotionen ist das Leben ist nicht lebenswert. Nur wenn wir fühlen können, können wir das Leben vollständig leben. Für unsere Lebensgestaltung, für unsere Zufriedenheit, unser Glück, für unsere körperliche, geistige und seelische Gesundheit sind Gefühle wichtig.

Früher hieß es: Haltung bewahren! Seine Gefühle muss man im Griff haben. Später änderte sich das und manche sagten: „Das ist eben mein Gefühl“, als wollten sie sagen: „Darüber kann man nicht diskutieren, Gefühle haben immer recht.“

Aber ganz so einfach ist die Sache nicht. Gefühle sind weder eine Gefahr für unsere innere Ruhe noch ein Freifahrtschein für willkürliches Handeln. Es geht darum, die natürlichen Eigenschaften und Funktionen von Gefühlen zu verstehen. Dann hat man eine bessere Chance, mit Gefühlen gut umzugehen. Wie man mit den eigenen Gefühlen umgeht, bestimmt, ob sie ihren Wert für uns wirklich entfalten, oder ob sie uns (und andere) täuschen und fehlleiten. Jeder hat das schon einmal erlebt: da ist irgendetwas so ganz wichtig, man ist sich sicher, wenn ich dies oder jenes habe, dann bin ich glücklicher. Und dann bekommt man es, und was passiert? Nichts weiter. Die Suche nach der nächsten Wichtigkeit beginnt – die Jagd nach dem Glück.

Gefühle brauchen unsere aktive Mitarbeit. Wir können sie verstehen und ihre Energie gut für uns nutzen – oder sie können uns verwirren und in Aktionen stürzen, die wir später lieber rückgängig machen würden.

Ich frage: Wie können wir Gefühle besser verstehen? Wie können wir ihre Energie besser für uns nutzen? Wie können wir starre emotionale Zustände wieder ins Fließen bringen? Wie können lebendige Emotionen unser Leben und persönliche Entwicklung bereichern? Wie können wir Gefühle in Bewegung und Bewegung in Gefühle bringen?

Wenn Sie zum Beispiel den Wunsch haben, sich weniger Sorgen zu machen, sich von Ängsten nicht überfallen zu lassen, sich von der Wut nicht mitreißen zu lassen, sich genussvoller durchs Leben zu bewegen oder mit Freude und postiver Motivation Ihre Dinge zu tun, dann ist diese in lockerer Folge erscheinende Serie von Beiträgen für Sie interessant.

Kommunikation auf Augenhöhe

Juli 15th, 2011

In der Gesellschaft spricht man in letzter Zeit öfters über Kommunikation. Eine nicht geringe Anzahl von Bürgern ist nämlich unzufrieden darüber, wie Politiker und andere Entscheidungsträger mit den normalen Menschen sprechen. Kritisiert werden nicht bloß autoritäres Reden und Verhalten, sondern auch ein gewisser Mangel an der für Kommunikation so wichtigen Fähigkeit des Zuhörens. Die Unzufriedenheit ist so groß, dass unlängst bereits das Ende der Basta-Politik verkündet wurde.

Doch so weit ist es noch lange nicht gekommen. Zunächst einmal sind wir in der Phase angekommen, das auch jedes Kind beim Spracherwerb durchläuft: die Zeit des Nachplapperns und Imitierens. Wenn ein Kind beispielsweise das sorgenvolle Aufstöhnen der Mutter imitiert und dann noch mit ernster Miene hinzufügt „Das Leben ist manchmal so schwer“, dann findet das die Mutter lustig. Schau mal, wie ein kleiner Erwachsener!

Wenn Politiker das tun, ist das weniger lustig. Wenn beispielsweise davon die Rede ist, man „kommuniziere auf Augenhöhe“, dann fragt sich, was das bedeuten soll und worin da die Leistung besteht. Solch eine Aussage hat ebenso viel Wahrheitsgehalt wie der Werbeslogan „Jetzt mit 30% mehr Reinigungskraft!“.

Denn wenn man vorher nicht auf Augenhöhe kommuniziert hat, was hat man denn dann getan? Saß da etwa einer auf dem Boden? Herrschten da etwa noch keine Gleichberechtigung und Meinungsfreiheit? Und wenn es jetzt gut ist, auf Augenhöhe zu kommunizieren, hat man da vorher etwas falsch gemacht? Hat man sich irgendwie über den anderen gestellt, ihn nicht richtig gehört und wahrgenommen, hat man vielleicht nicht wirklich mit ihm (nur zu ihm) gesprochen?

Aber nein! Das meiste Gerede der Politiker über die Kommunikation auf Augenhöhe bedeutet selbstverständlich nicht, dass man in der Vergangenheit schlecht kommuniziert hätte. Der Werbeslogan „Jetzt mit 30% mehr Reinigungskraft“ heißt ja auch nicht „Früher hatten wir ein echt lasches Zeug“.

Dann müsste man ja auch zugeben, dass es einem als Politiker meistens egal war, was die Leute wirklich dachten und dass man an einem freien Meinungsaustausch wenig Interesse hatte. Dann müsste man ja heute den Leuten direkt in die Augen blicken und zugeben, dass man sie früher von oben herab behandelt hat und dass man es heute besser machen will.

Nun ja, aber das wäre selbst einem Politiker zu viel Augenhöhe.

Verändern beginnt mit Nicht-Verändern

Juli 3rd, 2011

Ein seltsames Paradox in der Psychologie der Veränderung besteht darin, dass wir den Prozess der Veränderung dann am wirksamsten in die Wege leiten, wenn wir aufhören, sofort etwas ändern zu wollen.

Wie kommt das?

Stellen Sie sich vor, Sie entdecken in Ihrem Leben etwas, das Sie stört. Was tun Sie als erstes? Ich nehme an, Sie versuchen, dieses störende Etwas irgendwie zu beseitigen oder zu umgehen. Dies ist der Versuch Nummer 1, die Welt wieder in Ordnung zu bringen. Der Versuch Nummer 1 ist in der Regel grob gestrickt. Er besteht in einfachen Korrekturen, Ermahnungen oder Reglementierungen.

„Nimm dich zusammen, du isst zuviel!“

„Sei doch mal etwas mutiger!“

„Was stellst du dich so an, sei doch nicht so ein Schisshase!“

Veränderungsversuche dieser Kategorie können erfolgreich sein. Die lästige Wespe, die sich Ihrer Erdbeertorte nähert, verzieht sich vielleicht tatsächlich, wenn Sie einmal kräftig mit der Hand in ihre Richtung wedeln. Doch wo es um die Veränderung von Einstellungen, Selbstdialogen und Handlungsmodalitäten geht, sind diese Versuche meist erstaunlich wirkungslos. Wenn Sie sich davor fürchten, vor einer größeren Gruppe von Menschen zu sprechen, dann bringt es wenig, sich zu sagen: „Stell dich nicht so an!“ Seltsamerweise wiederholen wir diese Veränderungsversuche oft unzählige Male und glauben trotz ausbleibender Erfolge immer noch daran, damit etwas zu verändern.

Wenn Sie sich einmal die Zeit nehmen, hinter die Kulisse Ihrer Selbstermahnungen und Selbstkorrekturen zu schauen, sehen Sie ungeduldige und ärgerliche Gestalten, die Ihr Leben von allen Störungen befreien wollen. Das sind Ihre Veränderungsmanager – die allzeit geschäftigen Kontrolleure Ihres Lebens. Sie strahlen irgendwie Autorität aus, schüchtern Sie aber auch etwas ein. Wenn Sie sich dann die Zeit nehmen, mit diesen Veränderungsmanagern zu sprechen, werden Sie merken, dass die es auch nicht wirklich besser wissen. Genau genommen, sind sie sogar regelrecht verunsichert. Die haben Angst!

Wenn Sie dies entdecken, werden Sie verstehen, dass es besser ist, diesen Gestalten die Steuerung Ihres Veränderungsprozesses zu entziehen. Führen Sie sich Ihre erfolglosen Versuche der Selbstveränderung vor Augen und machen Sie sich klar: „So hat es nicht funktioniert. So brauche ich es nicht weiterhin probieren. Meine inneren Veränderungsmanager sind überfordert.“

Mit dieser Erkenntnis verbindet sich die Einsicht, dass Sie zunächst einmal nicht wissen müssen, wie Sie Ihr Veränderungsziel erreichen könnten. Es reicht, zu spüren: „Da ist es etwas, um das ich mich kümmern will. Ich weiß noch nicht, wie ich das schaffe.“ Wenn Sie diesen Schritt vollziehen, werden Sie eine gewisse Entspannung erleben. Sie haben vielleicht das Gefühl: „Wie wunderbar, mich nicht angestrengt gegen diese Störungen in meinem Leben stemmen zu müssen!“ Zugleich erleben Sie vielleicht Ihre Unsicherheit angesichts der anstehenden Herausforderungen, die der gewünschte Veränderungsprozess mit sich bringt. Sie merken dann vielleicht aber auch: „Ich kann diese Unsicherheit aushalten, denn ich spüre noch etwas anderes, etwas das mir Hoffnung gibt, etwas Lebendiges, Unbändiges, das ich vorher bei all meinen bemühten Veränderungsaktionen nicht bemerkt habe!“

Verändern beginnt mit Nicht-Verändern. So einfach ist das. Anstrengung bringt nichts, im Gegenteil, sie fixiert die Angst vor Veränderung im Krampf undurchdachter Korrekturen.  Hören Sie auf, sich anzustrengen, denn die meisten Wespen kommen sowieso wieder. Und wenn man sie ärgert, stechen sie.

Merkst du noch was?

Juni 23rd, 2011

Solange sie klaglos funktionieren, bemerken wir unsere Sinne wenig. Wir beachten sie so wenig wie Fensterscheiben, die wir nicht sehen, weil wir ja auf das achten, was hinter ihnen liegt – nicht merkend, dass wir überhaupt erst durch sie sehen können, was es zu sehen gibt.

Die Grundlage all unserer Urteile und Meinungen sind Sinneswahrnehmungen. Wir hören, sehen, riechen, schmecken, tasten und fühlen – und bauen uns aus diesen Sinnesdaten dann ein Bild von uns und der Welt. Das heißt, wir erzählen uns Geschichten mit einem Anfang, Verwicklungen, Höhepunkten, dramatischen Wendungen und einem mehr oder weniger glücklichen Ende. Wir erzählen und erzählen. Diese Geschichten bereiten die Bühne für uns selbst. Wir sind Akteure in einem Film, den wir selbst produzieren.

Die Einsicht in die Erschaffung der Welt aus der Kraft der eigenen Vorstellung bedeutet jedoch nicht, dass es völlig gleichgültig sei, was und wie wir über uns und die Welt denken. Unsere Geschichten sind nicht alle gleich falsch. So paradox es klingt: wir haben Verantwortung für unsere Geschichten, auch wenn sie stets widerlegt werden könnten.

Eine unserer Verantwortlichkeiten besteht darin, für eine möglichst differenzierte Sinneswahrnehmung zu sorgen. Dazu brauchen wir neben mentaler Offenheit und Wachheit vor allem auch einen geschulten Bewegungssinn, denn die Verfassung unserer Muskulatur hat einen indirekten Einfluss auf die Feinheit vor allem der propriozeptiven, visuellen und vestibulären Sinnesorgane, d. h. auf Körpergefühl, Sehsinn und Gleichgewicht.

Es ist das Verdienst F. M. Alexanders, darauf aufmerksam gemacht zu haben, dass die Qualität der Sinneswahrnehmung einen starken Einfluss auf unsere Wirklichkeitskonstruktion hat. Verzerrte Sinneswahrnehmungen führen zu falschen Geschichten.  Wenn wir wieder lernen, genauer zu fühlen, was es zu fühlen gibt, dann entdecken wir, wie wenig wir eigentlich über uns und die Welt wissen.

Dieses Nicht-Wissen zu erleben (und auszuhalten) ist befreiend. Und es hilft uns dabei, uns den ungewussten Möglichkeiten des Lebens vertrauensvoller zu öffnen.

Sich zuhören

Juni 12th, 2011

Wann haben Sie sich das letzte Mal zugehört? Was, das tun Sie schon? Sind Sie sicher? Sich zuhören, bedeutet, die Worte so hören, als spräche sie eine andere Person, als wüssten Sie nicht, wie es sich von innen anfühlt, diese Worte zu sprechen.

Stellen Sie sich doch um des Experimentes willen vor, was Sie von einem Menschen denken würden, der die Worte und Sätze spricht, die Sie gerade sprechen. Dann bekommen Sie einen Eindruck davon, wie vieldeutig  das ist, was Sie sagen. Sie werden merken, dass Ihr Gegenüber es gar nicht so leicht hat, Sie zu verstehen – denn er muss ohne das innere Begleitgefühl auskommen, zu dem Sie Zugang haben und das Ihnen so oft den trügerischen Eindruck vermittelt, Sie drückten sich klar aus.

Wenn Sie sich nun gut zugehört haben, dann werden Sie feststellen, dass Sie das ein oder andere nicht sagen, was Sie denken und fühlen. (Das ist in Ordnung, ich bin durchaus nicht für schonungslose Offenheit.) Die Frage ist aber: Haben wenigstens Sie selbst das Gedachte und Gefühlte, aber Nicht-Ausgedrückte richtig gehört? Also so gehört,  als spräche es ein anderer. Was für einer Person begegnen Sie dann, wenn Sie Ihren Gedanken und Gefühlen zuhören?

Es kann schwierig sein, auszusprechen, was man denkt. Wenn Sie es verstehen, sich selbst besser zuzuhören, werden Sie es künftig leichter finden. Denn einen Zuhörer haben Sie dann schon.

Seminar „Leichter gehen, stehen, sitzen“, 29.05.11

Mai 29th, 2011

Wir bewegen uns den ganzen Tag, aber wie eigentlich? Wissen wir, wie wir uns bewegen? Oder verlassen wir uns einfach darauf, dass es so, wie es ist, gut ist? – Wenn Sie anfangen, einen Blick hinter die Kulisse der Selbstverständlichkeit zu werfen, werden Sie Erstaunliches entdecken.

Erstens: Sie bewegen sich so, wie Sie es sich im jeweiligen Moment vornehmen. Der Körper „hört“ auf Ihre Gedanken, Ideen und Befehle. Und zweitens: Vieles davon, was Sie Ihrem Körper mit auf den Weg geben, ist nicht durchdacht, sondern folgt allgemein gängigen, aber recht ineffektiven Ideen von Bewegung und Handlungsgestaltung.

Ein Beispiel: Sie merken, dass Sie beim Schreiben am PC zusammengesunken dasitzen und fühlen sich verspannt. Sie strecken den Oberkörper durch und recken sich in eine „aufrechte“ Position, die Sie dann ein paar Sekunden zu „halten“ versuchen. Nach ein paar Minuten wandert Ihre Aufmerksamkeit wieder auf den Bildschirm und im Hintergrund nehmen Sie noch wahr,  dass Sie den Kampf um die aufrechte Position gegen die Schwerkraft verlieren werden. Ein schlechtes Gewissen macht sich breit: „Ich sollte mal mehr Sport machen…“

Wie seltsam, dass Menschen nicht aufhören sich zu korrigieren, auch wenn diese Korrekturen offensichtlich nicht funktionieren. Was ist die Alternative? Drücken Sie nicht das Becken gegen das Gewicht des zusammengesackten Rumpfes nach oben, sondern lassen Sie den Kopf durch sein dynamisches Verhältnis zur Wirbelsäule den Oberkörper in die Aufrichtung führen. Das ist viel einfacher und lässt sich – unter fachkundiger Anleitung – lernen.

Daher meine Empfehlung: Verzichten Sie auf „Korrekturen“, die nicht funktionieren. Sie dienen meistens nur der Selbstbeschwichtigung: „Wenigstens gebe ich mir Mühe…“ Und auch wenn Sie noch keine Alternativen kennen, so ist es doch schon ein Gewinn, sich von der Untauglichkeit vertrauter Vorgehensweisen zu überzeugen. Jeder neue Weg beginnt mit dem Verlassen des alten.

Ich weiß so viel und tu so wenig

Mai 27th, 2011

Eine häufige Klage veränderungswilliger Menschen lautet ungefähr so: „Da habe ich schon so viel gelernt und weiß so viel, und doch kann ich so wenig umsetzen. Irgendwie scheine ich nie das zu erreichen, was ich eigentlich will. Und dabei habe ich schon so viele Bücher gelesen…“

Wissen allein macht noch kein Handeln. Das ist eine allseits beobachtbare Tatsache. Die Menschen wissen beispielsweise, dass zwei Tüten Chips bei wenig Bewegung nicht gerade gesund sind – und landen trotzdem immer wieder auf der Couch. Auf dem Weg vom Wissen zum Handeln gibt es zahlreiche Stolpersteine, und einer davon ist die verbreitete Neigung, abstraktes Wissen für ausreichend für Verhaltensänderung zu halten.

Ohne direkte persönliche Erfahrung kann keine Veränderung gelingen. Sich aber darauf einzulassen, ist häufig so schwer. Nicht weil es in sich schwer wäre, sondern weil wir es für schwer halten. Wir ahnen, dass der lebendige Strom der Erfahrung unsere Gefühle, Haltungen und Einstellungen stärker verändern könnte, als uns lieb ist. Veränderung ja, aber bitte nicht zu viel davon! Es ist diese diffuse Angst vor der Wucht neuer Erfahrungen, mit der jeder Veränderungswillige rechnen muss.

Wenn Sie also mal wieder über sich den Kopf schütteln, wenn Sie nicht das tun, was Sie nach Ihrem aktuellen Wissensstand von sich erwarten, dann schenken Sie sich etwas Bedenkzeit: „Welche Erfahrung ist es, die ich fürchte? Wie wäre es, wenn ich mich dennoch mal darauf einließe?“ Und wenn Sie dann etwas Bereitschaft spüren, dann führen Sie sich freundlich, aber bestimmt über die Grenzen des Vertrauten hinweg in eine neue Erfahrung.